Kraftlos für die schönen Künste?

Letzte Szene. Die letzten Worte aus Das weite Land von Arthur Schnitzler sind gesprochen. Das Licht in der Josefstadt erlischt. Natürlich ist hier das Theater in der Josefstadt gemeint – wir Wiener sagen halt gerne einfach Die Josefstadt zum Theater. Bleiben wir also bitte dabei. Es ist finster in der Josefstadt. Stockdunkel. Sekundenlang wagt niemand, zu klatschen. Im hinteren Teil der Bühne sieht man einige nervöse Schatten, die gerne schon nach vorne huschen würden. Hin zur Bühnenkante, um sich den wohlverdienten Applaus abzuholen. Um vielleicht zwei- oder dreimal von der Bühne abzugehen und danach wieder zu erscheinen, um sich dem Restbeifall hinzugeben. Sich mehrmals zu verbeugen und sich dann schweißnass aber zufrieden in die Schauspielerkantine zurückzuziehen. Ganz langsam und leise beginnt ein Mutiger zu klatschen. Zärtlich und zurückhaltend hebt sich der Applaus an und erweckt kurz die Vermutung in uns, dass sich dieser in gewohnter Manier bald zu einem tosenden Gewitterbeifall aufschwingen wird. Meine Frau und ich, sitzend in unserer kleinen Loge im zweiten Rang, klatschen stärker. Heftiger. Wir wollen animieren. Stimulieren. Wollen die Leute dort unten motivieren, uns doch endlich in gleicher Heftigkeit zu folgen. Rasch spüren wir, dass da wohl nichts Großartiges mehr kommt. Der Applaus im Parterre bleibt ein schwaches Irgendwas. „Kraftlos“ fällt meiner Frau dazu ein und sie weist mich auf den weiß-grauen Schleier hin, der über dem sichtlich betagten Publikum im Zuschauerraum liegt und einen doch eher hohen Altersdurchschnitt nahelegt. „Die Leute haben keine Kraft mehr zum Klatschen“, meint meine Frau und ich komme ins Grübeln. Wer wird diese Reihen wohl nach dieser Generation besetzen? Wir, die Mid-Fünfziger, sind – wenn ich mich hier im Theater umsehe – eher spärlich vertreten. Von den Jungen ganz zu schweigen. Jetzt könnte man meinen, dass die Josefstadt samt ihres Spielplanes nicht dazu ausgelegt ist, Junge anzusprechen. Mitnichten. Ich blättere im Programmheft zur aktuellen Spielzeit und finde eine bunte Mischung großer Theaterkunst. Von Sartre über Bernhard bis hin zu Mitterer spannt sich der Angebotsbogen und die Inhaltsabrisse zu den Stücken lassen Kurzweil und Abwechslung vermuten. Zudem versuchen sich Theatermachende seit langem schon in der Kunst der optischen und inhaltlichen Verjüngung – selbst wenn es um Klassiker geht, die ich persönlich zwar hin und wieder gerne auch mal in ihrer unaufgemascherlten Ursprungsform erlebe, aber ich verwehre mich nicht gegen das Moderne. Schon gar nicht wenn es damit gelingen könnte, junge Menschen für das Theater zu begeistern. Engagierte Lehrerinnen und Lehrer leisten hier ebenfalls gute Arbeit und vergattern ihre Klassen zum geschlossenen Theaterbesuch. Ziel sollte sein, dass ein paar von der Leidenschaft für diese Kunstform und für Literatur im Allgemeinen erfasst werden. Für alle anderen sind es zumindest ein paar Stunden ohne Social-Media und Smartphone.

Neben der Jugend muss es freilich auch gelingen, Menschen aus anderen Kulturkreisen und Herkunftsländern für das heimische Theater zu gewinnen. Zu begeistern. Für Kunst- und Kulturschaffende handelt es sich zudem auch um eine äußerst interessante Zielguppe, hat doch immerhin fast die Hälfte aller Menschen, die in Wien leben, einen sogenannten Migrationshintergrund. Sie und die Jugend ins Theater zu kriegen, wird also in den nächsten Jahren ein klares Ziel sein, will man wirtschaftlich überleben. Freilich sehen derartige Attraktivierungskonzepte ein wenig anders aus als die bisherigen. Günstige Jugentickets und Abo-Packages sowie ein buntes und abwechslungsreiches Programm gibt es ja jetzt schon zur Genüge. Was also tun?

Wer Märkte erobern will, sollte diese auch befragen. Ganz gezielt. Und am besten dort, wo sie sich aufhalten. Was wollt ihr sehen? Wann und wo sollte das am besten stattfinden? Wie ist Theater für euch? Was bedeuten Kunst und Kultur insgesamt? Für euer Leben und unser gemeinsames? Wenn die Menschen nicht zum Theater kommen, dann muss das Theater zu den Menschen kommen. Mir kommen da schauspielerische Kostenproben an Schulen, auf Märkten, auf belebten Plätzen und in großen Betrieben in den Sinn. Was es braucht sind Mut und Engagement. Und breiter Support von Politik, Medien, Kultur- und Bildungseinrichtungen. Von uns älteren Semestern sowieso. Wir geben Werte weiter. Wir überliefern. Wir sind es, die unsere Kinder zur Teilhabe ermutigen sollten. Und wir sind es auch, die Integration für Menschen aus anderen Kulturkreisen aktiv mitgestalten müssen – soll diese auch wirklich gelingen. Sammeln wir also unsere letzten Kräfte, applaudieren wir wieder mit Enthusiasmus und geben wir ein Stück unserer Begeisterung weiter. Dieser so einzigartigen Begeisterung für die schönen Künste. Sie sind es jedenfalls wert, am Leben gehalten zu werden. Frei nach Oscar Wilde: „Wer in schönen Dingen einen schönen Sinn entdeckt, der hat Kultur.“